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  • micha

Kollektive und persönliche Verantwortung




In unserem letzten Artikel haben wir darüber gesprochen, welchen Effekt Verantwortung auf unseren Einflussbereich haben kann. Wir haben uns dabei vor allem auf persönliche Verantwortung konzentriert. In diesem Artikel befassen wir uns mit der Beziehung zwischen persönlicher und kollektiver Verantwortung. Mit kollektiver Verantwortung ist die Verantwortung gemeint, die von einer Gruppe von Menschen, beispielweise einer Nation getragen wird. Wir schauen uns an, wie diese beiden Arten von Verantwortung einander beeinflussen können.


Wenn jeder verantwortlich ist, dann ist niemand verantwortlich. Die Idee hinter diesem Satz ist, dass Verantwortung unscharf und diffus wird, wenn sie einem Kollektiv zugeschrieben wird. Wenn nur das Kollektiv verantwortlich ist, dann kann sich das Individuum hinter dieser Verantwortung verstecken. Wenn zum Beispiel jeder verantwortlich dafür ist, den Planeten zu retten, dann kann sich jeder hinter der Tatsache verstecken, dass alle anderen ihren Job auch nicht richtig machen. Wenn China die Luft verschmutzt, dann scheint es unfair, dass wir unsere eigenen Emissionen runterschrauben müssen. Aber das ist „Rechtfertigungsdenken“. Wir machen so etwas, damit wir uns besser fühlen können, in unserem eigenen Zustand der Unzulänglichkeit. Aber diese Rechtfertigung ändert nichts an der Tatsache, dass der gegenwärtige Zustand ein Problem ist. Deswegen können wir die Verantwortung nicht einfach nur dem Kollektiv zuschreiben. Der Grad an Verantwortung der vom Kollektiv übernommen werden kann, misst sich an der Bereitschaft seiner Mitglieder, bis hin zum Individuum. Wenn wir als Nation, oder als Zusammenschluss von Nationen an etwas scheitern, dann können wir es beim nächsten Mal nur besser machen, wenn sich jeder der diesem Zusammenschluss angehört für dieses Scheitern verantwortlich sieht, auch wenn sie keine Möglichkeit hatten, es direkt zu verhindern.


Der Mechanismus hier ist der Gleiche, wie bei dem Fallbeispiel mit dem kleinen Kind aus unserem letzten Artikel. Nur indem wir Verantwortung übernehmen, können wir anfangen Dinge zu verändern und Kontrolle zu übernehmen. Wenn ich mich verantwortlich fühle für die graduelle Zerstörung des Planeten, dann kann ich anfangen nach Lösungen zu suchen, die in meiner Macht liegen. Es gibt natürlich keine Garantie, dass ich dabei erfolgreich sein werde – es könnte so oder so ausgehen. Was aber klar ist, ist dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich ein Problem löse, für das ich mich nicht verantwortlich sehe, gegen Null tendiert. Und wenn alle anderen auch so denken, können wir das Problem auch nicht als Kollektiv lösen.


Ich möchte nicht, dass das hier als ein politischer Artikel verstanden wird. Ich verwende Umweltschutz hier lediglich als Beispiel. Meine Absicht ist, aufzuzeigen, wie Möglichkeiten zur Veränderung entstehen können, nicht ein Appell für diese Veränderungen. Was du mit deiner Zeit und deinen Ressourcen anstellst, ist deine Sache. Aber auch wenn du nicht so sehr an dem Bigger Picture interessiert bist, ändert das nichts daran, dass du auf die eine oder andere Weise Teil eines Kollektivs bist. Und somit ist deine Verantwortung an das Kollektiv gebunden und umgekehrt. Dein Kollektiv kann so groß sein wie eine ganze Nation oder so klein wie deine Familie.





Wenn wir von persönlicher Verantwortung sprechen, ist damit nicht gemeint, dass jeder Mensch eine Insel ist – vollständig selbstständig und unabhängig von anderen Menschen. Selbstverantwortung bedeutet nicht, der einsame Wolf zu sein. Es bedeutet nicht, dass man nicht nach Hilfe oder Rat fragen kann und es bedeutet nicht, dass man immer schuld ist, wenn irgendetwas auf der kollektiven Ebene schiefläuft. Ganz im Gegenteil – Selbstverantwortung bedeutet, dass man sich der Konsequenzen seines Handelns auf andere Menschen bewusst ist, und sich als Teil eines Netzwerks sieht. Es bedeutet, dass man sich auf eine Art und Weise verhält, die anderen als Vorbild dienen kann. Und es bedeutet, dass man sich, soweit es geht um sich selbst kümmert, sodass andere sich nicht um einen kümmern müssen.


Selbstverantwortung hat eine Auswirkung auf alle um uns herum, genauso wie das Fehlen von Selbstverantwortung eine Auswirkung hat. Wenn ich mich entscheide meinen Körper mit Drogen und Alkohol zu zerstören, könnte man denken, dass das in den Bereich meiner Selbstbestimmung fällt und niemanden etwas angeht. Aber natürlich wird mein Verhalten Auswirkungen auf andere Menschen haben. Wenn ich bei einem Autounfall sterbe, weil ich unter Alkoholeinfluss gefahren bin – selbst wenn sonst niemand verletzt wird – wird diese Tatsache einen negativen Einfluss auf andere Menschen haben. Wenn ich betrunken zur Arbeit gehe, sind meine Kollegen gezwungen, mit dieser Tatsache umzugehen. Das mag wie ein Extrembeispiel erscheinen, aber das Gleiche gilt auch für alltägliche Dinge. Wenn ich mich selbst nicht mit Respekt behandle wird das Folgen für andere Menschen haben. Wer sich nicht um sich selbst kümmert, investiert nicht in sich selbst. Und wer nicht in sich investiert, kann nicht wachsen, sowohl auf emotionaler als auch auf Kompetenzebene.


Im schlimmsten Fall bedeutet das, dass man ein Kind bleibt, im Körper eines Erwachsenen. Man kann nicht richtig kommunizieren und dadurch können andere Menschen verletzt werden. Wenn ich ein emotionales Wrack bin, werden sich Leute in meinem Umfeld gezwungen sehen, sich um mich zu kümmern. Ein Mangel an persönlicher Verantwortung kann dazu führen, dass das Kollektiv sich gezwungen sieht, umso mehr Verantwortung zu übernehmen. Der Philosoph John Stuart Mill hat einmal gesagt, dass die Freiheit eines Menschen dort endet, wo die eines anderen beginnt. Das Gegenteil gilt für Verantwortung. Oft beginnt die Verantwortung einer Person genau dort, wo die einer anderen Person endet. Wenn ich keine Verantwortung für mich selbst übernehme, wird jemand anderes das für mich tun müssen – durch soziale oder finanzielle Unterstützung.


Das bedeutet, dass ein Mangel an persönlicher Verantwortung Druck auf das Kollektiv ausübt, mehr Verantwortung zu übernehmen. Und zu einem gewissen Grad, kann ein Kollektiv das ausbalancieren. Aber es gibt einen Schwellenwert und wenn dieser überschritten wird, kann das ganze System daran zerbrechen. Wenn zu viele Individuen ihre Verantwortungslast an das Kollektiv abgeben, gibt es irgendwann zu wenige Individuen, die zu viel Last tragen müssen.






Aber die Tatsache gilt für beide Richtungen. Der Grad an Verantwortung, der vom Individuum übernommen werden kann, hängt davon ab wie sehr sich das Kollektiv als verantwortlich sieht. Wenn eine Nation keine Verantwortung für ihre Verbrechen übernimmt, dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass ihre Bürger es tun werden. Denn das zu tun, würde bedeuten, dass man auf sich gestellt ist, und dass man im Konflikt mit dem Kollektiv steht, zu dem man gehört.


Die Geschichte von Christopher Columbus wird häufig erzählt im Kontext, des Mannes der Amerika entdeckt wird. Weniger häufig wird sie erzählt, im Kontext des Mannes, der einen Genozid über die Urbevölkerung des Kontinents gebracht hat. Das Problem mit der ersten dieser beiden Geschichten ist, dass sie den Teil weglässt, der eine Gesellschaft erlauben würde, Wiedergutmachung zu üben. Wer sich nicht als verantwortlich sieht, für die Zwangslage der Benachteiligten, wird diesen wohl kaum dabei helfen, ihre Situation zu verbessern. Und wenn die Geschichte, die einem in der Schule erzählt wird, die eigene Vergangenheit nicht im Rahmen von Verantwortung zeichnet, wie könnte man sich selbst als verantwortlich sehen? Das wird nicht passieren. Und so viel sollten wir auch nicht vom Individuum erwarten.


Je größer unsere Gemeinschaften werden, desto einflussreicher werden sie auch. Ein Teil dieses Einflusses kommt dadurch, dass wir die Gruppe von ihren Mitgliedern abstrahieren. Wir haben Gesetze, die solche Prozesse regulieren. Eine GmbH wird als juristische Person betrachtet. Die finanzielle Haftung der GmbH ist getrennt vom Privatvermögen der Gesellschafter. Das heißt die Verantwortung ist getrennt von den ausführenden Personen. Wir leben heute in einer Realität, in der die meisten wichtigen Veränderungen auf globaler Ebene abstrakte Entitäten involvieren. Zwar werden diese Entitäten durch Menschen repräsentiert, aber sie sind nicht identisch mit ihnen, was die Frage nach Verantwortung verkompliziert.


Wenn Deutschland Waffen an die Ukraine liefert, dann ist das eine Handlung, die von Menschen entschieden wurde, und von Menschen umgesetzt wird, aber eben nur von einer kleinen Gruppe von Menschen. Dennoch betrachtet man es als eine Handlung der ganzen Nation. Gleichzeitig war aber nahezu niemand der deutschen Bevölkerung beteiligt an dieser Entscheidung. Auf der einen Seite verstehen wir die Handlung des Kollektivs als repräsentativ für die Haltung seiner Mitglieder, während wir auf der anderen Seite eingestehen, dass diese kaum bis gar keinen Einfluss auf die Entscheidung hatten, die zu dieser Handlung geführt hat.


Das ist der Grund dafür, dass manche Menschen allergisch reagieren, wenn man anfängt von individueller Verantwortung zu sprechen. Schließlich sind die wichtigsten Dinge, die auf der Welt passieren außerhalb der Kontrolle von 99% Prozent der Bevölkerung. Je größer ein Kollektiv wird, desto größer die Distanz zwischen individueller und kollektiver Verantwortung, da die Handlungen des einzelnen weniger und weniger eine Rolle spielen, für das große Ganze.


Im letzten Artikel habe ich dafür argumentiert, dass man immer eine Wahl hat, den eigenen Einflussbereich zu vergrößern, solange man bereit ist, seinen Verantwortungsbereich zu vergrößern. Und dadurch kann auch ein Individuum auf die eine oder andere Weise großflächige Veränderungen erzielen. Aber damit wir in der Lage sind, auf diese Weise Verantwortung zu übernehmen, müssen wir in einer sozialen Umgebung leben, die diese Art von Verhalten anregt und belohnt. Wenn wir uns an das Kind erinnern, dass ein Loch in die Wand gehämmert hat, war es die Verantwortung der Eltern, dafür zu sorgen, dass das Kind Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Und dasselbe gilt auch für die Beziehung zwischen jedem Erwachsenen und der Nation, zu der er gehört.


Damit will ich nicht sagen, dass es die Verantwortung des Staates sei, seine Bürger zu erziehen. Was ich sagen möchte, ist, dass man nur dann zu einem verantwortlichen Individuum werden kann, wenn man in einem Umfeld aufwächst, dass individuelle Verantwortung wertschätzt, pflegt und verkörpert. Es muss für das Individuum attraktiv sein, Verantwortung zu übernehmen, ansonsten wird das nicht passieren.

Während kollektive Verantwortung also in individueller Verantwortung verankert ist, ist das Individuum auch dadurch limitiert, wieviel Verantwortung sein Kollektiv zu tragen bereit ist. Beide Teile sind notwendig, für den jeweils anderen.


Aber was auf individueller Ebene der Fall ist, ist auch auf kollektiver Ebene der Fall. Der positive Einfluss des Kollektivs kann nur dann wachsen, wenn auch seine Bereitschaft zur Verantwortung wächst. Wenn der Mensch keine Verantwortung für die Zerstörung des Planeten übernimmt, dann wird er auch nichts daran ändern. Und das Gleiche gilt für andere Probleme, wie Wasserversorgung für Entwicklungsländer, Minderheitenrechte oder Chancengleichheit für alle. All diese Probleme können dann angegangen werden, wenn sich das ganze Kollektiv verantwortlich sieht. Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, aber mir ist die Hervorhebung dieses Punktes sehr wichtig: Alle positive Veränderung erfordert Verantwortung. Ohne Verantwortung sind alle Wege versperrt.


Während sowohl persönliche als auch kollektive Verantwortung immer eine Rolle in unserem Leben spielen werden, verändert sich doch im Laufe der Zeit die jeweilige Gewichtung. Wir legen heute weitaus mehr Wert auf kollektiver Verantwortung als jemals zuvor – ob es jetzt um Umweltschutz, Tierrechte, Globalisierung etc. gehen mag. In der Vergangenheit wurden hingegen größerer Wert auf individuelle Verantwortung gelegt. Und das kommt zum Teil daher, dass es in der Vergangenheit an Infrastruktur, und soziopolitischer Stabilität gefehlt hat (also Einflussmöglichkeiten), die eine derartige Verantwortung ermöglicht hätten. Aber in der Vergangenheit mangelte es auch an der nötigen ethischen Perspektive, die die Notwendigkeit für kollektive Verantwortung überhaupt erst erkennen kann. In unserem nächsten Artikel werden wir uns mit dem Generationenkonflikt befassen und damit, welche Rolle dieser Unterschied in der Gewichtung von persönlicher und kollektiver Verantwortung in diesem Konflikt spielt. Wir werden uns ansehen, wie die Perspektive in dieser Hinsicht sich über die Generationen hinweg verändert hat.


Ich hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen und ich freue mich euch beim nächsten Mal wieder hierzuhaben. Habt einen schönen Rest der Woche.

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